Major E27N

 

Den Fordson Major E27N hätte es eigentlich gar nicht geben sollen. Und doch wurden vom ihm zwischen 1945 und 1952 mehr als 236.000 Exemplare gebaut.

Schon in den späten 1930er Jahren war man sich bei der Ford Motor Company im englischen Dagenham bewusst, dass der seit 1928 in großer Zahl gebaute Fordson N einen Nachfolger brauchte. Hierfür gab es gleich mehrere Gründe. Neben den verschlissenen Gussformen und Produktionsmaschinen war der immer stärker werdende Wettbewerb auf dem Traktorenmarkt der Hauptgrund. Die in gigantischen Stückzahlen produzierten Fordson F und N wurden seit der Einführung 1917 nur minimal weiterentwickelt. Während andere Hersteller bereits Ende der 1930er Jahre innovative Entwicklungen wie z.B. Dieselmotoren, Dreipunkthydraulik, Gruppenschaltungen und elektrische Anlasser auf den Markt brachten, hatte der Fordson noch immer seinen Seitenventilmotor mit Tauchschmierung und simplem Dreiganggetriebe mit Schneckenradantrieb. Eine wirkliche Bremse gab es nicht und zum starten musste stets gekurbelt werden. Ein elektrischer Anlasser war für den Fordson ganz einfach nicht erhältlich.

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Es musste bei Fordson also etwas neues entwickelt werden, um sich das Schleppermonopol nicht streitig machen zu lassen. Erste Ideen und Konzepte wurden entwickelt. Doch als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war mit einem Schlag alles hinfällig. Die Produktion des Fordson N wurde nochmals massiv gesteigert, um die britische Armee und die Landwirtschaft mit Schleppern zu versorgen.

Dennoch wuchs der Druck der konkurrierenden Schlepperhersteller stetig. Und so sah man sich in Dagenham gezwungen, einen Nachfolger des Fordson N mit den wenigen zur Verfügung stehen Mitteln auf die Räder zu stellen. An eine komplette Neuentwicklung, wie schon seit langem geplant, war nicht zu denken. Schon das Geld für die Anschaffung neuer Werkzeugmaschinen fehlte. Und so fiel die Entscheidung, einen "neuen" Schlepper unter Verwendung möglichst vieler bestehender Komponenten zu bauen. Das zu diesem Zeitpunkt veraltete Schneckengetriebe wurde jedoch gegen ein neu entwickeltes Stirnrad-Vorgelegegetriebe ersetzt. Das neue Fordson-Modell, "Major" genannt, bestand so zu ca. 70% aus unverändert übernommenen Teilen des Fordson N, 10% waren modifizierte Teile des N, die restlichen 20% waren Neukonstruktionen. Noch im letzten Kriegsjahr 1945 wurde der "Major" vorgestellt.

Obwohl er soviel von seinem Vorgänger übernommen hatte, war er viel größer, höher, wuchtiger. Und vor allem praktikabler. So konnte der Major werksseitig mit Luftbereifung, elektrischer Lichtanlage samt Anlasser und sogar Dreipunkthydraulik ausgestattet werden. Er wurde in vier verschiedenen Versionen angeboten: Standard Agricultural, Land Utility, Rowcrop und Industrial. Der Major E27N wurde bis 1952 gebaut und in die ganze Welt exportiert.

             

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Der E27N in meiner Sammlung wurde im Februar 1946 nach Schweden exportiert. Dort wurde er vom in Norrköping ansässigen Fordson-Vertragshändler Bil AB Knut Bjuhr an den Landwirt Einar Jakobsson im 45 Kilometer entfernten Gusum verkauft. Einar Jakobsson orderte einen Major als "Land Utility" mit reichlich Extras: Elektrische Lichtanlage inklusive Anlasser, Dreipunkthydraulik, Luftbereifung, Radgewichte, Flachriemenscheibe, Schnellganggetriebe sowie einem Spezialvergaser, der auch Dieselkraftstoff verarbeiten konnte.

Bauer Jakobsson aus Gusum, nicht weit weg von der Ostseeküste, scheint stets sorgsam mit seinem Major umgegangen zu sein. Denn als der Fordson 2017 zu mir kam, war er überraschend komplett und in schönem Originalzustand. Sogar der originale Oberlenker war noch am Schlepper, was nach 71 Jahren ziemlich ungewöhnlich ist. Am Schlepper befand sich kein Rost, dafür aber in der Werkzeugkiste noch ein Großteil des originalen Bordwerkzeuges. Dass alle vier Reifen neuwertig waren, war ebenfalls ein positiver Aspekt.

Mit einiger Mühe gelang es mir, den Fordson mit der Kurbel zum laufen zu bringen. Er lief jedoch mehr schlecht als recht. Ein Standgas hatte der Fordson nicht, er drehte stets über 1.000 U/min. Zudem schlugen Funken von den Zündkabeln über. Hier musste ich also erstmal Hand anlegen. Ein Satz neuer Zündkerzen war schnell besorgt (die alten waren mindestens 60 Jahre alt), ebenso Zündkabel als Meterware.

Der Spezial-Heizplattenvergaser verlangte da schon etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich zerlegte ihn in seine Einzelteile und reinigte jedes einzelne Teil gründlich. Die defekte Schwimmerkammer konnte ich glücklicherweise durch ein funktionstüchtiges Gebrauchtteil ersetzen. Sämtliche Verschleißteile und Dichtungen bestellte ich bei Teilehändlern in England. Der erste Start nach der Komplettüberholung des Vergasers war dann auch wesentlich erfolgreicher. Der Motor lief von Beginn an kernig, laut und kraftvoll. Und eine schön niedrige Standgasdrehzahl ließ sich nun ebenfalls einstellen. 

                 

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  Es folgten die obligatorischen Wartungsarbeiten, die dieser Major dringend nötig hatte. Ölwechsel, Schmierdienst, abdichten der Kühlwasserpumpe, reinigen des Ölbad-Luftfilters- um nur ein paar der Arbeiten zu nennen. Er ist nun wieder voll fahrbereit. Immer, wenn meine Freizeit und das Wetter es zulassen, hole ich den Major aus der Scheune und drehe ein paar Runden auf den heimischen Feldwegen.

Hier noch zwei kleine Videos, die den Major in Aktion zeigen: