"Model B"

John Deere in Moline, USA, bemerkte im Jahre 1928, also fünf Jahre nach der erfolgreichen Vorstellung des "Model D", dass für einen großen Teil der amerikanischen Farmer die bisher von vielen verschiedenen Herstellern produzierten Standardschlepper nicht praktikabel genug waren. Es handelte sich hierbei um Landwirte, die Reihenfrüchte ("Row Crop") anbauten und einen konventionellen, schweren Schlepper nur wenig gebrauchen konnten. Vielmehr bestand Bedarf an leichten Allzweckschleppern mit hoher Bodenfreiheit und leicht verstellbarer Spurweite.

Diese Bedürfnisse und das daraus resultierende Absatzpotential wurden bis zu dieser Zeit von den meisten Herstellern verkannt. Lediglich McCormick-Farmall erkannte die Möglichkeiten und entwickelte seinen "GP". Das war die Abkürzung für "General Purpose"= Allzweck. Der Schlepper zeichnete sich durch eine gigantische Bodenfreiheit und sein charakteristisches Dreirad-Design aus. Der Vorteil in dieser Bauart lag darin, dass der Farmer, wann immer er mit dem Traktor ins Maisfeld fuhr, lediglich die Hinterräder auf den Achsen verschieben brauchte, um die Spurweite einzustellen. Mit den beiden vorderen, eng zusammenstehenden Rädern fuhr er einfach zwischen den Reihen. Ein weiterer Vorteil der "Row Crop"-Bauart, nämlich das Wenden auf Stelle (ermöglicht durch das um 90° einschlagbare Vorderrad) fiel seinerzeit eher weniger ins Gewicht... es war lediglich ein angenehmer Nebeneffekt. Denn im Jahre 1933 bewirtschaftete ein amerikanischer Farmer bereits durchschnittlich 63,5 ha!

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McCormick-Farmall verkaufte seine dreirädrigen Schlepper wie geschnitten Brot, und John Deere, bisher als Hersteller schwerer, konventioneller Schlepper bekannt und erfolgreich, sah seine Felle davonschwimmen. Es musste dringend gehandelt werden. Es wurde fieberhaft daran gearbeitet, dass John-Deere-typische Motorenprinzip mit den beiden liegenden Zylindern an die neumodische Row-Crop-Bauart anzupassen. Das Ergebnis hieß bei John Deere interessanterweise ebenfalls "GP". Leider konnte der "GP" qualitativ und leistungsmäßig nicht mit dem Farmall-Schlepper mithalten. 

Im Jahre 1934 stellte John Deere dann sein "Model A" vor, eine komplette Neuentwicklung. Mit neuem Motor, hoher Bodenfreiheit, stufenlos verstellbarer Hinterachse und zahlreichen Anbaumöglichkeiten für die verschiedensten Arbeitsgeräte. Der "A" wurde schnell zum absoluten Verkaufsschlager. Schon ein Jahr später, 1935, brachte John Deere dann das "Model B" auf den Markt. Es handelte sich hierbei um eine um 1/4 verkleinerte Version des erfolgreichen "A". Der "B" verkaufte sich ebenfalls blendend, und bis zur Einführung der Nachfolgermodelle im Jahre 1953 wurden mehr als 750.000 Schlepper der Modelle "A" und "B" in Moline gebaut.

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Im Laufe seiner 18jährigen Produktionsdauer wurde der "B" mehrmals überarbeitet und den steigenden Ansprüchen der amerikanischen Farmer angepasst. Als wohl wichtigsten Punkt in der Produktionsgeschichte ist das Jahr 1939 zu nennen, in der sämtliche John-Deere-Modelle vom bekannten Industriedesigner Henry Dreyfuss überarbeitet wurden und ein gänzlich neues Aussehen erhielten. War zuvor das Erscheinungsbild recht kantig und konservativ, besonders hervorgehoben durch den unverkleideten, gusseisernen Kühler, so erhielten die Schlepper nun eine stromlinienförmige Kühlerverkleidung. Die ersten "A" und "B" wurden noch mit Eisenrädern ausgeliefert. Dementsprechend besaßen sie ein Getriebe mit nur drei Vorwärtsgängen und einer Höchstgeschwindigkeit von gemächlichen 8 km/h. John Deeres, die vor dieser Überabeitung gebaut wurden, nennt man "unstyled", alle danach hergestellten "styled".

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Das hier gezeigte "Model B" wurde im Jahre 1941 gebaut. Somit gehört auch er zu den optisch überarbeiteten "Johnnys". Technisch betrachtet ist er mit den älteren, "unstyled" genannten Johnnys identisch. So muss der liegende Zweizylinder-Vergasermotor per Hand am unverkleideten Schwungrad gestartet werden. Auch fehlt meinem "B" jegliche elektrische Anlage. Zur Erzeugung des notwendigen Zündfunkens dient ein Magnetzünder. Als angenehmen Vorteil werte ich, dass das Getriebe bereits eine Gruppenschaltung hat, wodurch aus den drei Vorwärtsgängen derer sechs werden. Im sechsten Gang beschleunigt der "B" locker auf 30 km/h!  Schlepper, die eigentlich noch auf der alten Bauart basieren aber schon das moderne Blechkleid besitzen, wurden zwischen 1939 und 1945 hergestellt. Sie werden in Fachkreisen "early styled" genannt.

Als dieser John Deere "B" im Frühjahr 2011 zu unserer Sammlung stieß, befand er sich in unrestauriertem Zustand, war aber fahrbereit und komplett. Der Motor zeigte bei ersten Probeläufen stets guten Öldruck und keinerlei Qualmentwicklung. Abnorme Geräusche, die häufig auf verschlissene Kolbenbolzen- oder Pleuellager hinweisen, waren nicht zu vernehmen. Ein gute Ausgangsbasis also. Das vorrangige Ziel war es für mich, den technischen Zustand festzustellen und etwaige Schäden zu beheben. Der Motor zeigte sich in sehr gutem Zustand. Ich wusch das Kurbelgehäuse intensiv aus und befüllte es mit frischem Öl. Die Ventile wurden obligatorisch neu eingestellt. 

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Als einziger Makel war die Laufkultur des ca. 18 PS starken und 2.900 cm³ großen Benzinmotors zu nennen. Er sprang zwar gut an, lief aber im Standgas unrund und schwankte ständig in der Drehzahl. Sehen Sie hier ein Video, das die unbefriedigende Laufkultur im Standgas zeigt:

Hier überließ ich nichts dem Zufall. Als Ursache machte ich einen verschlissenen Magnetzünder und einen stark überholungsbedürftigen Vergaser aus. Während ich den Vergaser zum Neuaufbau zu einem Fachbetrieb nach Amerika schickte, bestellte ich ebenfalls in den USA einen neuen Magnetzünder. Er wird noch heute unverändert hergestellt.

Das Getriebe indes bereitete mir Sorgen. Während die vier unteren der sechs Vorwärtsgänge brav und geräuschlos ihre Arbeit verrichteten, ließen sich der fünfte und der sechste Gang zwar einlegen, sprangen aber beim Einrücken der (handbedienten) Kupplung sofort wieder heraus. In meinem Kopf sammelten sich bereits Bilder von zerstörten Zahnrädern, gebrochenen Schaltklauen und verloren gegangenen Arretierkugeln... Glücklicherweise lag die Ursache nur im mit Dreck und Rost blockierten Schalthebel. Nach eingehender Reinigung und einer intensiven Behandlung mit Rostlöser war alles wieder so, wie es sein sollte.  

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Mittlerweile ist die technische Überarbeitung abgeschlossen. Ob ich den "Johnny" später einmal optisch restaurieren werde, kann ich noch nicht sagen. Momentan erfreue ich mich am unrestaurierten, patinierten Erscheinungsbild. Immerhin wurde der John Deere 1941 gebaut und ich denke, das darf man ihm auch ansehen.

Das Starten des John Deere "B" können Sie hier "live" erleben. Das Video zeigt den Schlepper  mit nun überholtem Vergaser und neuem Zündmagneten. Viel Spaß!