ED 16/II

Der Eicher ED 16 ist der große und ältere Bruder des ED 13. Der Eicher ED 16 nimmt eine ganz besondere Stellung in der Geschichte des deutschen Traktorenbaus ein: Im ersten Nachkriegsjahr 1946 war er nämlich der weltweit erste Schlepper, der mit einem luftgekühlten Dieselmotor ausgerüstet wurde. Die Gebrüder Eicher waren allerdings schon vor dem zweiten Weltkrieg im Traktorenbau tätig. Seinerzeit lediglich als regionale Schlepperfabrik bekannt, stellte Eicher sogenannte Konfektionsschlepper her, die aus zugekauften Motoren (Deutz) und Getrieben (z.B. Hurth) zusammengesetzt wurden.

Die Nachkriegszeit bedeutete für Eicher einen gewaltigen Aufschwung, was wohl hauptsächlich auf den luftgekühlten Dieselmotor zurückzuführen ist. Dieser legendäre Motor, firmenintern schlichtweg "ED1" genannt, wurzelt entwicklungstechnisch noch in der Kriegszeit- er entstand aus einem Flugzeug-Sternmotor.

Der "ED1"-Motor wurde zum Verkaufsschlager, war er doch aufgrund seiner Luftkühlung extrem wartungsarm und als Direkteinspritzer zudem noch äußerst sparsam. Die Abmessungen des stattlichen Einzylinders können sich sehen lassen: Eine Bohrung von 110 mm und ein Hub von 150 mm ergeben einen Hubraum von 1.425 cm³. Bei moderaten 1.500 Umdrehungen pro Minute entwickelt der Eintopf 16 PS. Durch geringfügige Modifikationen konnte der "ED1"-Motor bis zu seiner Einstellung 1960 auf bis zu 22 PS Leistung gesteigert werden.

Im hier vorgestellten Eicher ED 16/II leistet der Motor 19 PS, wodurch der Motor die werksinterne Bezeichnung "ED 1a" erhielt. Gekoppelt wurde der Motor mit dem "G76"-Getriebe aus dem Hause Hurth. In den frühen 1950er Jahren war Hurth, genauso wie ZF,  häufig der Getriebelieferant für Schlepperhersteller, die in eine eigene Getriebeentwicklung und -fertigung nicht investieren wollten (oder konnten). Das hier verbaute "G76"- Getriebe darf getrost als stock-konservativ bezeichnet werden. Es besitzt fünf Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Die Handbremse ist als simple Bandbremse außerhalb des Getriebes angeordnet und wirkt auf die Differential- Vorgelegewelle. Auf dem rechten Achstrichter befindet sich ein Pedal für die Differentialsperre. Ein über drei Keilriemen angetriebener Mähwerksantrieb ist unterhalb des Getriebes angeflanscht. Ein Zapfwelle mit einer Geschwindigkeit besaß dieses Getriebe ebenfalls. Ein als Sonderausstattung erhältlicher Flachriemenscheibenantrieb sowie eine Dreipunkthydraulik konnten recht einfach rückwärtig an das Getriebe angebaut werden. Beides wurde per Zapfwelle über ein gemeinsames Winkelgetriebe angetrieben. 

Durch diese Kombination entstand ein gut konstruierter Ackerschlepper mit einem modernen und robusten Motor. Interessanterweise scheint die Firma Eicher die Befürchtung gehabt zu haben, die konservative Kundschaft durch eine "moderne" Optik zu verschrecken... denn schließlich benötigte der ED 16 keinen Wasserkühler. Dennoch spendierte Eicher dem Schlepper eine klassisch anmutende Blechverkleidung mitsamt einer schwarz abgesetzten Kühleratrappe. Dadurch sah der ED 16 auf den ersten Blick wie ein herkömmlicher, wassergekühlter Traktor aus. Der Verkaufserfolg gab Eicher recht, denn vom ED 16/I und ED 16/II wurden bis 1957 mehr als 5.000 Exemplare verkauft. 

Den hier gezeigten Eicher ED 16/II konnte ich im Mai 2010 als "Garagenfund" erwerben. Er wurde 1954 gebaut und an einen Landwirt im Oldenburger Land ausgeliefert. Pünktlich zur Ernte erhielt der Eicher im August 1954 sein Besatzungszonenkennzeichen "BN92-2300". Seit dem wechselte der Eicher nie seinen Besitzer. Ich konnte ihn also nach 56 Jahren aus erster Hand erwerben. Als ich den Schlepper zum ersten Mal sah (während meiner Mittagspause!), wunderte ich mich doch sehr, als ich den mit allerlei Gerümpel zugestellten Eicher sah. Anstatt in typischem Eicher-Alpenblau war der Schlepper grün lackiert. Mein erster Gedanke war, daß der Besitzer in einem "kreativen Anfall" den Eicher grün übertüncht hatte. Bei näherer Betrachtung hingegen fiel aber auf, daß der grüne Lack vor langer Zeit sehr gleichmäßig und professionell aufgetragen wurde, anders, als man es von einem Landwirt erwartet hätte. 

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Nach der Bergung und einer eingehenden technischen Überprüfung entschloss ich mich zum Kauf. Ausschlaggebend für meine Entscheidung war wohl hauptsächlich der Zustand des Motors: nach einem geschätzten dreißigjährigen Dornröschenschlaf sprang der Eicher sofort an... mit der Hilfe einer großen LKW-Batterie und zweier mächtiger Überbrückungskabel. Der Motor lief sofort vollkommen gleichmäßig und ohne jegliche Rauchentwicklung- weder aus dem (leider nur noch fragmentartig erhaltenen) Auspuff noch aus der Kurbelgehäuseentlüftung. Genauso, als wenn der Schlepper noch am Vortag einen Acker gepflügt hätte. Ich war begeistert. Auch die Kupplung verrichtete wunderbar ihren Dienst. Die Gänge des Hurth-Getriebes ließen sich problemlos schalten. Auch die Hydraulik arbeitete wie erhofft- allerdings hatte ich das nicht erwartet. Als Mängel fielen sämtliche Bremsen auf, die allesamt scheinbar komplett festgerostet waren, sowie die Verzahnung der Steckachsen, die den Kraftschluß mit den Bremstrommeln (und somit mit den Rädern) herstellen. Hier war deutlich Spiel merkbar, axial wie auch radial. Um in Bildern zu sprechen: die Hinterräder schlackerten geradezu auf den Achsen...

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Bevor ich die Instandsetzung der Hinterachsen in Angriff nahm, führte ich eine eingehende Inspektion an Motor und Getriebe durch. Das alte Motor- und Getriebeöl wurde abgelassen, der Spaltfilter ebenso wie das Kurbelgehäuse gründlich ausgewaschen. Neue Keilriemen waren ebenfalls überfällig und wurden umgehend besorgt. Die gesamte elektrische Anlage war marode und unbrauchbar. Also war auch hier Fleißarbeit angesagt. Drei Wochenenden gingen drauf, um alle alten "Strippen" zu entsorgen und durch einen komplett neuen Kabelbaum zu ersetzen.

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 Zwischenzeitlich kontaktierte ich die in Ganacker ansässige Firma Eicher, das Nachfolgeunternehmen des einstigen Traktorenbauers. Ich bat um eine Auskunft, warum mein Eicher offenbar schon werksseitig grün anstatt hellblau lackiert wurde. Vielleicht konnte ja die Firma Eicher durch einen Blick in alte Bestell- oder Fertigungsunterlagen etwas Licht ins Dunkel bringen. Und siehe da... es dauerte nur einen einzigen Tag, da lag die Antwort aus Ganacker im Briefkasten. Neben einem freundlichen Begleitschreiben fand ich im Umschlag eine gestochen scharfe Kopie des Werkauftrages von 1954... mit der Fahrgestellnummer meines grünen Eichers. Meine Vermutung bewahrheitete sich: der Eicher war schon immer grün. Laut Werkauftrag war mein ED 16 ursprünglich für den Export nach Brasilien gebaut worden... "Tropenausführung" steht zwei Zeilen tiefer deutlich geschrieben. Auf dem Begleitschreiben bestätigte mir die Firma Eicher, daß die für den Export nach Brasilien gedachten Schlepper stets grün lackiert wurden. Warum der Eicher doch nicht über den Atlantik geschifft und stattdessen nach Nordwest-Deutschland geliefert wurde, bleibt wohl unbekannt. Fest steht jedoch, daß schon während der Montage meines ED 16 der Bestimmungsort von "Brasilien" handschriftlich in "Inland" abgeändert wurde. Hatte vielleicht jemand in Brasilien nicht bezahlt? 

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Durch diese tolle Erkenntnis motiviert, ging es an die Steckachsen. Der Ausbau dauerte länger als erwartet, da sich die Zentralmuttern der Steckachsen (Schlüsselweite 55mm) schlichtweg nicht lösen ließen. Erst durch Anwendung von viel Hitze und roher Gewalt ließen sich die Muttern überreden... beschädigten aber leider beim losdrehen das Gewinde der Steckachsen. Während mein Vater in seiner Werkstatt die zerstörten Gewinde der Achsen und Muttern durch Aufschweißen und präzises Abdrehen ersetzte und zudem noch die ausgeleierten Nuten der Wellenverzahnung erneuerte, beschäftigte ich mich mit den Betriebsbremsen. Diese waren durch die lange Standzeit komplett festgerostet... allerdings ansonsten noch vollkommen unverschlissen. Lediglich die Handbremse, als Außenbandbremse konstruiert, hatte es "hinter sich". Die Gelenke ebenfalls bombenfest, das Bremsband mehrfach eingerissen, der Belag steinhart und teilweise zerbrochen... um eine Neuanfertigung kam ich nicht herum. Auch hier konnte ich auf die Hilfe meines Vaters zählen. Er baute mir eine komplett neue Handbremse, lediglich der Handhebel konnte als einziges Originalteil erhalten bleiben. Den Bremsbelag fand ich kostengünstig als Meterware auf einem Oldtimer-Teilemarkt. Auch hier gingen einige Wochen ins Land, bis ich eine komplett neu entstandene Handbremse in den Händen halten konnte. Die Montage der überholten Steckachsen (mit neuen Kugellagern und Simmerringen versehen), sowie Hand- und Fußbremsanlage ging nun schnell vonstatten. 

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Die komplette technische Überholung meines ED 16/II beanspruchte gute vier Monate. Der optische Originalzustand wird, gut konserviert, erhalten bleiben. Schließlich gibt es nicht allzu viele Eicher, die grün anstatt blau sind und eigentlich nur portugiesisch verstehen...

Das nun folgende Video zeigt den Eicher nach seiner umfangreichen Überholung. Es zeigt deutlich das sehr gute Startverhalten der Eicher- Dieselmotoren.